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Novoflex Schnellschuss

Thomas Gade - Juli 2013 / 2015

  • 1. Schnellschuss System
  • 2. 400mm f/5.6 T-Noflexar
  • 3. 600mm f/8 Noflexar
  • 4. Novoflex als Teleskop



  • PIGRIFF-B mit T-Noflexar 5.6 / 400mm Teleobjektiv
    In Agentenfilmen, deren Handlung zwischen 1950 und 1980 stattfindet, hat der als Gentleman gekleidete Agent einen Attacheekoffer mit maßgefertigten Aussparungen für die Bestandteile seiner Waffe, die er im Bedarfsfall zusammen schraubt, um jemanden in aller Ruhe abzuknallen. Fantasien dieser Art mochten die Designer von Novoflex in den fünfziger Jahren inspiriert haben, das Schnellschuss-System zu entwickeln. Hier ging es nicht um Diskretion, die Optik sollte auffallen. Agentenfantasien der Normalbürger wurden durch ein martialisches Baukastensystem befriedigt. Das Objektiv bekam einen Pistolengriff, den PIGRIFF, zum Halten und Scharfstellen.


    Attacheekoffer für das Novoflex Schnellschuss Teleobjektiv

    Am Griff gibt es eine bewegliche Vorderkante, die mehr oder weniger stark eingedrückt wird, um scharf zu stellen. Mit verschiedenen Novoflex-Adaptern können alle gängigen Spiegelreflexkameramodelle mit dem System verbunden werden.

    Objektive


    Die Objektivköpfe sind austauschbar. Im Wesentlichen gehören dazu folgende Versionen:

    Bezeichung Öffnung und Brennweite Optik Bemerkung
           
    Noflexar 5.6 / 400mm zwei Linsen (Achromat) klein und leicht
    T-Noflexar 5.6 / 400mm drei Linsen  
    Noflexar    8 / 600mm zwei Linsen (Achromat) Nachfolger des 9 / 640mm
    Noflexar    9 / 640mm zwei Linsen (Achromat) altes Modell, bis 1960er Jahre
    Leica Telyt 6.8 / 560mm   1971-1995

    PIGRIFF-B

    In den 1960er Jahren erscheint der PIGRIFF-B (siehe erstes Bild) mit einem Pistolengriff und zusätzlichem Balgengerät, um den Nahbereich zu erweitern. Mit dem dreilinsigen T-Noflexar 5,6/400mm Objektiv ist der PIGRIFF-B ein gutes Objektiv für Fernaufnahmen.

    Am PIGRIFF-B sind mit einem kleineren Blendenkörper auch die Objektive 4,5/240mm und 5,6/280mm verwendbar.


    PIGRIFF-B mit T-Noflexar 5,6/400mm

    PIGRIFF-C

    Bei den späteren Versionen C und D wird der Balgen durch einen Auszug mit verschiebbaren Tubus ersetzt. Am PIGRIFF-C wird der Tubus durch einen Feststellring arretiert oder gelöst. Ein fein kontrolliertes Vor- und Zurückbewegen wie am früheren Balgengerät mit Feinantrieb ist damit nicht möglich. Die Modelle C und D haben zwei Griffe, wie Schnellschussgewehre. Es gibt Anschlüsse für Drahtauslöser oder elektrische Auslöser.


    PIGRIFF-C. Das 600mm Teleobjektiv gehört auf ein Stativ.
    Die dargestellte Kombination wiegt 2,5 kg ohne Kamera und ist 65 cm lang.

    PIGRIFF-D

    Mit dem PIGRIFF-D führt man eine verbesserte Version des verschiebbaren Tubus ein. Novoflex hat ihn mit Rillen wie bei einer Zahnstange und einem Drehknopf versehen, sodass die Länge des Auszugs wie am Balgengerät eingestellt werden kann. Bei der Version D werden Objektive nicht mehr angeschraubt, sondern durch Bajonette mit dem Scharfstellsystem verbunden. Der Blendenkörper ist nicht mehr abschraubbar. Novoflex bietet immer noch Bajonette an, die man an Objektive aus früheren Versionen schraubt, um sie mit dem D-System verwenden zu können. Sie kosten knapp 70 € und man kann sie leicht selber anbringen.

    Im System D gibt es eine Version ohne Pistolengriff. Sie ist besser für den Gebrauch auf Stativen geeignet, weil der lange Pistolengriff nicht im Wege ist. Scharf gestellt wird ausschließlich über den Auszug, der einem Okularauszug am Teleskop entspricht.


    PIGRIFF-D. Das lange 600mm Teleobjektiv gehört auf ein Stativ.

    Modulares System


    NOVOFLEX Super-Schnellschuss System


    Pistolengriffe zum Halten und Fokussieren

    Es gibt vier Fokussiereinrichtungen. Die erste Version erschien 1955 und wurde intern PIGRIFF-G genannt, weil die Verbindungen der Einzelkomponenten über Gewinde erfolgte. 1965 erschien die Version B. Der Buchstabe steht für 'Bajonett', mit dem die Module verbunden werden. Um 1980 folgte die Version C. Sie hat zwei Griffe. Am vorderen befindet sich ein Druckknopf für elektrische Kabel oder Drahtauslöser. An den älteren PIGRIFFen befindet sich das Balgengerät 'Bal-U', um den Fokussierbereich zu erweitern. Stattdessen hat der PIGRIFF-C aus den 1980er Jahren kameraseitig einen ausziehbaren Tubus mit einer Klemmvorrichtung. Diese Konstruktion ist solider als der Balgen.

    Die letzte Version, Version D, war ab Mitte der 80er Jahre lieferbar. Der Blendenkörper ist permanent mit dem Pigriff verbunden. Die Objektivköpfe werden per Bajonett angebracht.

    Ergänzend gibt es die Burst- und Schulterstützen namens PISTOCK in verschiedenen Varianten mit Gurten und verschiedenen Anwendungsvorschlägen, darunter die Verewendung wie eine Schulterstütze bei einem Gewehr. Für den PIGRIFF-B gibt es einen anmontierbaren zweiten Griff für einen Draht- und Kabelauslöser.

    Daneben gibt es Sonderausführungen wie das 4,5/135 mit einer Schneider-Kreuznach Xenar Optik, das 3,8/200 und 5.6/300 Schnellschuß sowie ein innenfokussiertes 2,8/300 Schnellschuß mit Tamronoptik und ebenfalls mit Tamronoptik ein Zoom mit 60-300mm.


    PIGRIFF-B mit Schulter- und Bruststativ PISTOCK-B und zweitem Griff (Foto: Heinz Giesen)


      
    Oben: PIGRIFF-C, unten PIGRIFF-B.
    Links mit eingefahrenem Balgen oder Auszugsverlängerung.
    Rechts im ausgefahrenen Zustand für Nahaufnahmen.

    Blendenkörper


    Die Blende wird über einen Blendenkörper eingestellt, der universell für die Objektivköpfe zwischen
    400mm bis 640mm passt. Er hat 24 Lamellen für eine nahezu kreisrunde Blende.


    Auszug mit Zahnstange am PIGRIFF-D




    Die letzte Version, der PIGRIFF-D, hatte einen Auszug mit Feinantrieb, der den Pistolengriff bei einer Verwendung auf einem Stativ überflüssig machte. Er war einer ausgewogenen Montage auf einem Stativ im Wege.

    Optik


    Novoflex hat verschiedene Objektivköpfe entwickelt, einige davon zur Verwendung an Balgengeräten für Makroaufnahmen, aber auch Teleobjektive von 200 mm bis 640 mm Brennweite.

    An diesem Telesystem werden vor allem die Objektivköpfe Noflexar 5,6/400mm und 8/600mm verwendet. Es gibt zwei Varianten des 400mm Objektivs, einmal als zweilinsiger Achromat und als T-Noflexar mit drei Linsen, um die Nutzung für das 6x6 Format zu ermöglichen. Die dritte Linse ebnet das Bild, welches sonst nicht optimal auf eine plane Fläche projiziert wird.

    Das Noflexar 8/600mm Objektiv ist ein einfacher Achromat aus zwei Linsen. Bei offener Blende ist mit Farbsäumen an kontrastreichen Kanten zu rechnen. Abblenden hilft. Dazu muss das Objektiv auf ein Stativ geschraubt werden. Der schnelle Schuss wäre sonst verwackelt und unscharf. Am besten bildet das dreilinsige T-Noflexar 5,6/400mm ab.

    Ferner gibt es das alte Noflexar 9/640mm, das Leica Telyt 6,8/400mm und Leica Telyt 6,8/560. Die Aufzählung ist nicht vollständig und sicherlich gibt es neben den 'offiziellen' Objektivköpfen Eigenkonstruktionen der Fotografen.

    Die Produktion des Schnellschusssystems endet in den 1990er Jahren bevor günstige ED-Objektive in Fernost produziert werden, die ab 2003 beim Bau von hochkorrigierten und sehr günstigen Teleskopen zum Einsatz kommen. Wer das Basteln nicht scheut, kann die Optik eines 72/432mm oder 80/600mm ED Refraktors mit einem Novoflex Pistolengriff kombinieren. Seltsamerweise ist Novoflex noch nicht auf diese Idee gekommen, obwohl das Schnellschusssystem unter Naturfotografen durchaus noch beliebt ist. Auf dem Gebrauchtmarkt ist es günstig zu erhalten und somit eine Alternative zu teuren Festbrennweiten.

    Bewertung

    Novoflex behauptete, dass mit dem Schnellschuss-System schneller und besser scharf gestellt wird als mit dem sonst üblichen Scharfstellring. Hat man eine Kamera mit gutem Sucher und beherrscht das manuelle Scharfstellen, kann man auch heute mit etwas Übung flott und sicher scharfe Fotos machen, auch in Fällen, in denen ein Autofokus unsicher arbeitet.

    Vorteilhaft sind Kameras mit integrierter Technik zum Kompensieren des Verwackelns (Anti Shake). Bei guten Lichtverhältnissen sind damit Freihandaufnahmen mit den langen Brennweiten dieses Systems zu machen. Mit dem T-Noflexar 5,6/400mm kann man immer noch gute Bilder aufnehmen und ein komplettes System aus zweiter Hand ist für rund 150 € erhältlich.

    Tipp

    Es ist ratsam, nirgendwo mit einem Novoflex Schnellschusssystem aufzutauchen, wo dessen Aussehen die öffentlichkeit und/oder Wachpersonal zu falschen Schlussfolgerungen verleitet. Das Objektiv kann leicht mit einer Waffe verwechselt werden.


  • 1. Schnellschuss System
  • 2. 400mm f/5.6 T-Noflexar
  • 3. 600mm f/8 Noflexar
  • 4. Novoflex als Teleskop


  • Testbilder: Vergleichsaufnahmen mit diversen Teleobjektiven


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