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Astrofotografie

Spektakuläre Bilder ohne Spezialausrüstung

von Katja Seidel mit einem Beitrag von Gunther Wegner

Rezension 2019 © Thomas Gade



Das Buch Astrofotografie von Katja Seidel erschien 2017 im Rheinwerk Verlag. Mir liegt die korrigierte Fassung aus 2018 vor.

Astrofotos ohne Teleskope

In diesem Buch über Astrofotografie kommen keine Teleskope vor. Die Autorin umschifft komplizierte und sperrige Astrotechnik. Sie setzt vor allem auf die Fähigkeiten moderner Digitalkameras mit guten Fotoobjektiven. Mit unteren vierstelligen ISO-Werten, einem guten Sensor sowie lichtstarker und guter Optik, die für scharfe Bilder kaum abgeblendet werden muss, gelingen ihr beeindruckende Fotos vom Sternenhimmel.

Aus der Astrotechnik werden lediglich sogenannte Star Tracker vorgestellt. Es handelt sich dabei um kompakte Stativköpfe mit einer auf den Himmelspol zu richtenden drehbaren Achse, die einen Kugelkopf trägt, um eine Kamera darauf zu befestigen. Die Achse wird mit Sterngeschwindigkeit gedreht, also einmal in knapp 24 Stunden, um die vermeintliche Sternbewegung, verursacht durch die Erdrotation, auszugleichen.

Diese einfachen, aber effektiven Nachführeinrichtungen reichen aus, um die Sterne mit Weitwinkelobjektiven bis hin zum mittleren Tele auch mit längeren Belichtungszeiten punktförmig aufzunehmen.

Apps für das Smartphone

Verschiedene Apps für das Smartphone unterstützen die Planung der nächtlichen Fotografie. Eine zielgerichtete und angepasste Bildbearbeitung sorgt für gute Ergebnisse. Katja Seidel erstellt ihre Bilder gerne aus mehreren Fotos.

Viele Bilder jenseits der Astrofotografie

Die Astrofotografie besteht aus Techniken zum Fotografieren der Sterne, des Mondes, Nebel, Planeten und anderer Himmelskörper im Weltall. Wer sich vom Titel Astrofotografie inspirieren lässt dieses Buch aufzuschlagen, wird überraschend viele Bildbeispiele sehen, die nichts mit den Sternen zu tun haben. Einen ersten Hinweis darauf gibt bereits das Foto auf dem Einband. Es zeigt ein Polarlicht über Island.

Im Buch wird das Fotografieren eines Kraftwerks vom Volkswagen bei Nacht ausführlich beschrieben. Ein Fischkutter vor Tromsø in Norwegen sowie die Hamburger Speicherstadt und ein schneebedeckter Wald im Winter und zahlreiche Landschaften sind in diesem Buch zu finden. In nächtlichen Panoramen, die Landschaften nicht nur als dunkle Schemen zeigen, sondern sehr gut ausgeleuchtet, ist der Sternenhimmel eher ein dekoratives Beiwerk, der dem Gesamtbild eine märchenhafte Anmutung vermittelt und einem gut gemachten Fantasyfilm entstammen könnte. Gänzlich unerwartet wird auch das Focus Stacking beschrieben. In der Astrofotografie wird das Objektiv auf unendlich gestellt, weil alle Motive extrem weit entfernt sind. Was hat der Focus Stacker in der Astrofotografie zu suchen? Für Katja Seidel ist die Kombination aus Sternen und einem nahen Bildteil aus der mit fotografierten Landschaft so wichtig, dass sie bei Bedarf mit verschiedenen Scharfstellungen arbeitet. Die Bilder werden digital kombiniert, um vom Vordergrund bis zu den Sternen eine scharfe Abbildung zu erreichen. Die Wirkung des Focus Stackings stellt sie mit zwei Nahaufnahmen von einem kleinen Detail einer Pflanze dar.

Kein Zweifel, Katja Seidel versteht ihr Handwerk und meistert verschiedene nächtliche Aufnahmesituationen bravourös. Etwas unglücklich gewählt ist einzig der Buchtitel Astrofotografie, der nicht so richtig zum wesentlich breiteren Inhalt zu passen scheint, der weit über diese spezielle Fotosparte hinausgeht und gleichzeitig Astromotive ausklammert, die bereits mit preiswerten und kompakten Amateurteleskopen mit umfassender Automatik zu den Basismotiven gehören, wie Planeten, die mit erstaunlich einfacher Technik schon ganz gut aufgenommen werden können.

Viel unterwegs

Die Autorin frönt ihrem Hobby nicht in der heimischen Gartensternwarte, sondern begibt sich auf Exkursionen mit ihrem Camper. Das leuchtende Band der Milchstraße fotografiert sie zusammen mit einem beeindruckenden Gebirgspanorama in den Alpen oder über einen spiegelglatten See in Brandenburg. Polarlichter nimmt sie am Ostseestrand auf, aber auch in Norwegen und auf Island. Das Mondlicht nutzt sie wie Tageslicht. Stünde bei den Fotos nicht, dass Mondlicht die Landschaft beleuchtete, würde man das auch gar nicht vermuten, sondern Tageslicht unterstellen.

Sie beweist mit ihren Fotos eindrucksvoll, dass der Spruch, "Bei Nacht sind alle Katzen grau", mit modernen Digitalkameras nicht zutrifft. Auch mit schwachem Restlicht kann farbig fotografiert werden und sogar erstaunlich gut.

Lust auf Nachtaufnahmen

Das Buch inspiriert zu allen möglichen Nachtaufnahmen und enthält eine Fülle von Bildbearbeitungstipps. Es richtet sich vor allem an mobile Fotografen, deren fotografische Interessen bei Nacht sich nicht nur auf die Sterne beschränken, sondern auf die gekonnte Darstellung von Landschaften. Während pure Astrofotografen über die Beeinträchtigung ihrer Fotos durch künstliche Lichtquellen klagen, sind weit entfernte helle Lichtdome am Horizont in Katja Seidels Fotos dekorativ. Ihr geht es nicht primär um die Sachaufnahme, sondern um sehenswerte Fotos, in denen natürliche Ereignisse problemlos auch mit künstlichen Lichtquellen kombiniert werden können.

Print und E-Book

Das gedruckte Buch wiegt knapp 1,5 kg und wird deshalb wohl eher selten im Fluggepäck Platz finden. Aber es ist auch als E-Book erhältlich. Wer direkt beim Rheinwerk-Verlag bestellt, erhält das Bundle aus gedrucktem Buch und E-Book zum attraktiven Kombipreis.

Buch 39,90 €
E-Book 35,90 €
Bundle Buch + E-Book 44,90 €
Stand April 2019

Bewertung

Das Buch zeigt, dass eine gute digitale Fotoausrüstung, ein Star Tracker und die richtige Bildbearbeitung als Technik ausreichen, um gute Astroaufnahmen zu machen. Für viele Bereiche der Astrofotografie kann man auf das sperrige und schwere Teleskop mitsamt allem Zubehör verzichten. Das an sich ist eine spannende Aussage für naturbegeisterte Fotografen, die gerne mit leichtem Gepäck unterwegs sind. Was die Astrohändler davon halten, steht auf einem anderen Blatt. Mein Tipp: Partnerinnen von Hobbyastronomen sollten ihren Männern dieses Buch und einen Star Tracker schenken, um nervige Diskussionen über die Mitnahme von Astroequipment im Urlaub zu beenden.


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