Als Schüler bekam ich einen einfachen
Vergrößerer nebst einer Entwicklungsdose und durfte
in der Abstellkammer ein Fotolabor einrichten. Mehr als 20 Jahre
lang war für mich seitdem das Vorhandensein einer stets funktionsbereiten
Dunkelkammer selbstverständlich. Während des Studiums
jobbte ich nebenbei in zwei Bilderagenturen und lernte einige
professionelle Tricks kennen. Meine Qualitätsansprüche
haben sich in dieser Zeit erheblich gesteigert. Zudem besserte
ich mein studentisches Budget mit dem An- und Verkauf von Fotolabortechnik
und Verbrauchsmaterialien auf. Dadurch konnte ich immer aus dem
Vollen schöpfen. Das Aufkommen der Digitaltechnik führte
in meinem fotografischen Bekanntenkreis zu heftigen Diskussionen.
Sie war höchst irritierend, da althergebrachte Arbeitsweisen
in Frage gestellt wurden. Die Möglichkeiten waren bis Ende
der 1990'er Jahre eher theoretischer Art, da die Technik sehr
teuer war. Es gab viele Fragen. Wie sollte man die Dateien speichern?
Wie scannt man sie? Wie bearbeitet man sie? Das Hauptproblem sah
man in der Qualität der Drucke. Konnten sie so gut wie hochwertige
Barytpapierabzüge sein? Und wie sollte man sie herstellen?
Im Jahre 2001 organisierte eine Gruppe von Künstlern eine
Gemeinschaftsaustellung in Berlin. Eine Freundin, Silva Wittfeld,
verfügte über schöne Räumlichkeiten und wir
zogen los, um Tänzerinnen bei ihren Proben und auf der Bühne
zu fotografieren. Es reizte uns, den Versuch zu wagen, die Filme
zu digitalisieren und printen zu lassen. Eine Drogeriekette sponsorte
uns 45 'Vergrößerungen' im Format 50x70cm. Mit einem
2700 dpi Filmscanner von Polaroid wurden die Schwarzweiß-
und Farbnegative gescannt. Die Bearbeitung erfolgte mit Photoshop
4. Es war eine interessante Erfahrung mit der selektiven Farbkorrektur
zu arbeiten, die bei den bunten Bühneaufnahmen seltsame Magentaeffekte
beseitigte oder das Herausziehen eines tiefen Blaus in den Schatten,
wodurch eine Zeichnung sichtbar wurde. Das ist im konventionellen
Fotolabor, wenn überhaupt, nur mit einem enormen Aufwand
realisierbar. Nach einem Hin und Her über Dateiformate und
dpi mit dem Labor schickten wir die Daten weg.
Eine Woche vor Beginn der Ausstellung kamen die heißersehnten
Ausbelichtungen zurück. Wir hatten uns darauf eingestellt,
das Abziehen der Colorfilme im Falles des Mißlingens in
Auftrag zu geben und die SW-Negative in meinem Labor zu vergrößern,
da wir keine Vorstellung von der zu erwartenden Bildqualität
hatten und die Ergebnisse mit großer Skepsis erwarteten.
Unsere Vorsorge war unnötig. Die Bilder waren ausgezeichnet
und niemand hätte sie in der Dunkelkammer besser hinbekommen
können. Die Ausstellung wurde von einigen eingefleischten
Dunkelkammerfreaks besucht, die nicht glauben wollten, dass 2700
dpi Scans derartige Bilder ergeben können. Übrigens
betrug der reguläre Preis damals 12 DM (6 €) für
einen 50x70 Digitalprint.
1993. Berlin. Celia tanzt Flamenco im Salsa.
Detail aus einer konventionellen Vergrößerung
Digital bearbeitet. Man achte auf den
korrigierten Rand der Nase.
Die nebenstehende Aufnahme entstand während
einer Flamencovorführung im Salsa. Das war eine bekannte
Berliner Salsa- und Latinokaschemme. Das Bild wurde mit einer
relativ langen Belichtung und einem Aufhellblitz fotografiert.
In der Detailvergrößerung sieht man einen Geisterschatten
um die Nase, der bei dieser Aufnahmetechnik kaum zu vermeiden
ist.
Daran läßt sich im konventionellen Fotolabor kaum etwas
machen. Zwar können geschickte Retuscheure die Vergrößerungen
bearbeiten. Doch ist das kompliziert und wird sichtbare Spuren
auf der Oberfläche des Fotos hinterlassen.
Mit Photoshop 4 war das Korrigieren der Datei eine Kleinigkeit.
Das wichtigste Werkzeug dazu war der Stempel, mit dem störende
Defekte beseitigt wurden.
Die hier gezeigten Bilder sind zur Illustration dieses Beitrags
stark heruntergerechnet worden. Die Originaldatei ist scharf und
detailreicher.
Ich habe das Negativ mit einem hochwertigen Durstvergrößerer
und einem guten Rodenstock Rodagon Objektiv auf 50x60cm messendes
Barytpapier vergrößert und mit dem Digitalprint verglichen.
Die Bildqualität beider Abzüge war ebenbürtig,
wenn man die Verbesserungen der Bildbearbeitung am Digitalprint
außer acht läßt.
Die digitalen Schwarzweissabzüge hatten eine leichten bläulichen
Farbton. Man nennt ihn 'Kaltton' im Gegensatz zu den bräunlichen
'Warmtonbildern'. Wer den Ton beeinflussen möchte, sollte
mit dem Fachlabor über die Art der Dateivorbereitung oder
die entsprechenden Angaben auf den Auftragstüten Rücksprache
halten.
Diese Erfahrung bewegte mich zum Abbau meines Fotolabors. Damit
verschwand eine Tätigkeit, die ich stets als entspannend
und kreativ empfunden habe, aus meinem Alltag. Es war kein leichter
Schritt, aber die digitalen Realitäten und Perspektiven sprachen
eine eindeutige Sprache. Zudem empfand ich das Vorhandensein von
Fotochemikalien aller Art in meinem Haushalt schon längere
Zeit als beunruhigend. Es gab reichlich Chemie zum Entwickeln,
Fixieren, Tonen, Abschwächen, zur Farbentwickung und Reinigung
von Tanks. Vieles davon war giftig. Das bestätigte mir die
Stadtreinigung mit einer schmerzlichen Rechnung bei der Entsorgung
.
Mittlerweile haben die digitalen Komponenten einen hohen Reifegrad
erreicht. Ein Ende der Entwicklung ist aber nicht in Sicht. Die
Tintenstrahl-Drucktechnik ist sehr gut und günstig geworden.
Das Anfertigen von Kontakten der archivierten Filme ist mit Digitalkameras
ein Kinderspiel. Die hochauflösenden Spiegelreflexkameras
verdrängen das langwierige Scannen der alten Dia und Filmbestände
durch simples Reproduzieren mit Makrooptiken. Wohl denen, die
ihre Diadupliaktoren von Elinchrom, Bowens oder Multiblitz nicht
entsorgt haben.